Sozialklima

Positionsdarstellung: Jutta M. Bott

Ich komme von den Sozialwissenschaften, genauer der Sozialpädagogik, der Psychologie, Psychiatrie und der Psychotherapie. D.h. mein ganzes Berufsleben lang habe ich mich damit beschäftigt, wie individuelles menschliches Verhalten – sowie das in Gruppen und von Organisationen – erklärt, verstanden und beeinflusst werden kann. Dazu gehörte lange Zeit auch jeweils eine Verständigung darüber vor welchem Menschenbild, Basis- oder Demokratieverständnis eine solche Arbeit erfolgt.

Ich gehöre nicht der 68er Generation an, wir sind die Nachhut, die Unauffälligeren, die in der Zeitgeschichte nicht soviel Furore machten. Von Vielem, was die 68er bewegt haben, profitierten wir, aber wir hatten auch damit zu tun, dass sie oft schon da waren, wo wir hinwollten und dass unklar war, was wird das Unsrige als Generation (falls man die 50er Jahre Geborenen so bezeichnen will … ). Was uns bewegte in den 70er Jahren war neben der spürbareren Demokratisierung der Gesellschaft, mehr Mitbestimmung, mehr (politische) Bildung, auch die Verwerfungen durch die RAF und die Folgeorganisationen, das Buch des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ (1972). Hier wurde ein Szenarium aufgezeigt, was zwar so nicht eingetroffen ist, aber an dessen Grundfragen wir fast nicht weitergekommen sind und die wir nun dringlicher denn je lösen müssen.

Warum sage ich das? Ich denke, wenn man sein Selbstverständnis klärt, unter welchem man die „Klimaprobleme“ – und zwar im weiteren Sinne, also ökologisch und sozial – betrachtet, ist es durchaus sinnvoll den Hintergrund mit zu sehen vor dem diese Position entstanden ist. Wir sind in wirtschaftlich bescheidene Zeiten hinein geboren, haben vermutlich Kindheiten und Jugendzeiten erlebt, in denen es in Deutschland-West systematisch aufwärts ging und die Familien sich mehr leisten konnten. Die Träume unserer Elterngeneration waren häufig so einfach wie verständlich: Ein Häuschen, ein Auto, Urlaube, eine gute Bildung und Ausbildung der Kinder, Aufstieg und Konsum, eine gewisse Unabhängigkeit und der Souverän des eigenen Lebens sein (und sei es das evtl. nur in der Freizeit).

Die meisten Familien haben das erreicht und neben den Annehmlichkeiten, die kaum einer missen möchte, gibt es Folgen, zu denen das veränderte ökologische Klima und das veränderte Sozialklima gehören. Zu den sozialen Fragen – und diese sind vorrangig mein Feld – haben sich noch der demographische Wandel mit einem immer größer werdenden Anteil älterer Menschen, Fragen der Integration bzw. Parallelgesellschaften von Migranten, Fragen der Bildungspolitik, der Bildungsfähigkeit und -willigkeit, Fragen der Bindungsfähigkeit des modernen Menschen – die Scheidungsraten, die hohe Zahl Alleinlebender und Alleinerziehender sprechen eine eigene Sprache – gesellt. Nur mühselig finden wir als Gesellschaft zu einem Diskurs über brennende Themen. Der Aspekt der „political correctness“ läuft immer mit. Oft „eiern“ wir herum, überhaupt eine treffende Problembeschreibung vorzunehmen, geschweige denn über die Ursachen offen zu sprechen.

Es scheint wärmer und kälter zu werden von den Temperaturen. Stürme und Starkregenperioden nehmen zu, und gleichzeitig kämpfen wir mit (oder gegen) gesellschaftliche Kälte, Isolation, Einsamkeit, Armut und Ausgrenzung und die (vermeintliche) Zunahme depressiver und psychosomatischer Erkrankungen. Oder überwiegt Deutschland als Freizeitpark, als Spaßgesellschaft? Nun ja, von allem gibt es etwas und ja nachdem, wo man sich bewegt, verzerrt sich der Blick in die eine oder andere Richtung. Spaß und Freude sind genauso lebensnotwendig, wie scheinbar Krisen und Einbrüche helfen, eine persönliche Mitte zu finden.

Wer muss was ändern, wer will etwas ändern? Warten wir auf „den Staat“, die Politik uns selbst? Besitzen wir genug, vielleicht sogar zu viel, ginge es auch mit deutlich weniger, selbst wenn die Wirtschaft und Politik eine Markterholung in stärkerem Konsum und Wachstum sehen? Wollen wir das hohe Maß an individuumszentrierter Lebensführung zugunsten gemeinschaftsorientierter Verhaltensweisen, Rücksichtnahmen etwas verändern? Wenn ja, wie viel und wie soll es genau gehen? Wer beginnt, wer geht in Vorleistung, wer sind die Macher, wer sind die Mitläufer, profitieren wirklich alle?

Was genau ist das „gute Leben“ zu verschiedenen Phasen des Lebenslaufs? Gegen Ende des Lebens zählt neben einer guten gesundheitlichen Versorgung viel mehr eine Balance von Individualität und Sozialität, Geben und Nehmen, Teilnahme und Teilhabe. Der Konsum, das Besitzenmüssen, Habenwollen treten deutlicher in den Hintergrund. Solchen Fragen gehen meine MitarbeiterInnen und ich — zum Teil indirekt — in dem BMBF-Forschungsprojekt „Gut leben im (hohen) Alter“ nach.

Bei den ökologischen Fragen beschäftigt mich, von wem man welchen Beitrag an verändertem Energieverbrauchsverhalten verlangen kann und sollte. Sind Menschen bereit, sich für übergeordnete, derzeit bei uns in Deutschland kaum bzw. nur vereinzelt spürbare große Bedrohungen – Veränderung des Klimas, Zusammenbruch ökologischer Systeme – einzusetzen, ihr Verhalten zu ändern? Was ist mit denen, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Kraft, sich weiterhin „alles“ kaufen können? Und was ist mit Menschen, die sich eher am gesellschaftlichen Rande sehen, objektiv auch sind und die vermutlich Teile der Konsumstile der begüterteren Schichten gerne hätten als diese wegen der ökologischen Bedrohung der Erde zu lassen?

Neben dem Kolloquium des Innovationskollegs, verschiedenen Aktivitäten in der Lehre, möchte ich diesen letzteren Aspekten in einer Interviewstudie mit Potsdamer Bürgern nachgehen. Neben der bereichernden – weil der eigene disziplinäre Blick eine Öffnung erfährt – interdisziplinären Zusammenarbeit im Kolleg selbst, freue ich mich auch auf die Zusammenarbeit mit den neuen Forschungsprofessorinnen und -professoren. Schon die Berufungsvorträge haben deutlich gemacht, wie viele Perspektiven notwendig und möglich sind, um angemessene und hilfreiche Lösungen – und seien es zunächst kleine Schritte – gemeinsam auf den Weg zu bringen.

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