Wissensklima

Positionsdarstellung: Hans-Christoph Hobohm
Orte und Flüsse des Wissens in der Stadt

Eine Sichtung der Wissens- und Bildungsorte in der Stadt Potsdam, die z.B. zum Prozess der Bewusstwerdung und Willensbildung im Zusammenhang mit der Klimadiskussion fruchtbar gemacht werden könnten, kommt zu einem niederschmetternden Ergebnis.

Weder die physisch-analogen Orte des kommunalen Wissensmanagements wie Stadtbibliothek, Museen, Kultur- und Bildungsstätten noch die digitalen Orte lokalisierter Vernetzung (potsdam.de; meinestadt.de/potsdam; XING) sind attraktiv und erlauben bürgerschaftliches Engagement im Hinblick auf Wissens- und Überzeugungsarbeit zu komplexeren Themen der Stadtentwicklung wie dem Jugendkulturproblem oder dem lokalen Klimawandel.

Einzelinitiativen in den Stadtteilen sind auf klassische Machtdispositive (wie die Einbindung in Bau- und Entwicklungsträger) angewiesen; unabhängige Initiativen kommen ohne den klassischen – trotz eGovernement schwerfälligen – Verwaltungsapparat nicht weit. Es fehlt an Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen, die zunehmend aus den traditionellen Gesellschaftszusammenhängen verschwinden, obwohl diese in der beschleunigten Gesellschaft um so dringender wären.

Die mediale Delokalisierung durch neue Medien widerspricht der Alltagspraxis des Lebens in der Stadt / vor Ort. Auswirkungen sozialer, demographischer und eben auch klimatischer Probleme werden nur lokal / hautnah erlebt und verstanden; Initiativen zu deren Lösungen oder zumindest Verständnis sind immer nur in unmittelbarer Anschauung und bei eigener Betroffenheit bei einem mengenmäßig relevanteren Teil der Bevölkerung auszulösen. Kurz: es sind neue Formen der lokalen Governance gefragt, die in der komplexen Gesellschaft einhergehen mit der Evolution von Wissens- und Bildungsprozessen in der Stadt.

Hierzu gilt es, zur Sensibilisierung der Werthaltigkeit analoger bzw. sozialer Wissensarbeit auf allen Ebenen gesellschaftlicher Entscheidungs- und Partizipationsstrukturen beizutragen. Grundthese ist dabei die eines „spatial turns“ gerade auch von Wissens- und Bildungsarbeit. Die Überflutung durch lineare Kommunikation mit den im Grunde magischen, d.h. nicht vertrauenswürdigen technischen Medien, hat zu deren eigener Apotheose geführt und verlangt jetzt nach sozialen Räumen der analogen Begegnung: nur im authentischen Kontakt mit der persönlichen Vertrauensperson (dem Wahlverwandten, dem Meister) können Wissensströme in der dialogischen Kommunikation zum Fließen gebracht werden, die in Praxis (Tätigkeit/activity) münden.

Dies erkennt zunehmend die Pädagogik und Didaktik z.B. im Zusammenhang mit kompetenz- bzw. lernfeldorientierten Vermittlungsansätzen – dies ist aber auch in den Sozialwissenschaften durch eine explizite Hinwendung zum Raum deutlich. Die Informationswissenschaften haben in den letzten Jahren ebenfalls vor allem durch Informationsverhaltensforschungen (Fisher/Erdelez/McKechnie 2005) beigetragen, aufzuzeigen, dass Wissensvermittlungsprozesse zumindest multimodal ablaufen und wenig linear steuerbar sind. Sie brauchen „Raum“ – in der vielfältigen Bedeutung dieses Wortes.

An den Beispielen der Jugendkultur- und -medienarbeit in Potsdam und der lokalen Willensbildungsprozesse zum Klimawandel soll die Funktionsweise dieser Grundhypothese untersucht, neue Herangehensweisen erprobt bzw. langfristig Konzepte zur nachhaltigen Kompetenz- und Wissensvermittlung im öffentlichen Raum entwickelt werden. Es handelt sich hierbei allerdings um mehr als um bloße Fragen des  Wissen(schafts)transfers oder des Public Understanding of Science. Angesichts der Beratungsresistenz politischer Entscheidungsgremien ist die Zielrichtung nunmehr die Zivilgesellschaft als solche: die engagierten und/oder die betroffenen Bürger.

Die Jugendkultur- und -medienarbeit ist hierbei ein exemplarisches Analysefeld, weil mehr noch als in früheren Generationen ein mediales Missverständnis zwischen den Generationen (der digital natives und der digital immigrants) vorliegt, das Verhaltensweisen, Kulturen und Vorurteile prägt. Der im letzten Potsdamer Bürgerhaushalt von mir eingebrachte und von den Potsdamer Bürgern akzeptierte Vorschlag zur Verbesserung der Jugendkultur- und -medienarbeit zielte genau darauf, die Medienkompetenz bei Mediatoren (meist digital immigrants) und „ihren“ Jugendlichen zu fördern und damit zu einem gegenseitigen Verständnis beizutragen. Hier sind auch durchaus innovative Vermittlungskonzepte gefragt, die verlangen, dass die mediale und wissensprozedurale Situation des oft kritisierten und verteufelten („schlechten“) Medienkonsums besser durchdrungen wird. Computerspiele sind vor allem nicht immer gleich Computerspiele und nur eine kompetenzbasierte, kognitive Kommunikation über die Qualitäts- und Wirkungsdebatte kann dazu beitragen, nicht eine ganze Generation zu kriminalisieren (Lawrence Lessig 2008).

Um ähnliche, auf langfristige Wirkung zielende Aspekte dreht es sich bei der Wissensvermittlung zum Thema Klimawandel. Hier ist allerdings die Kommunikationssituation anders strukturiert, da es sich darum dreht, konkret vorhandenes Wissen zu vermitteln und beim Adressaten in Aktivität (virulente Information) zu verwandeln (Rainer Kuhlen: „Information ist Wissen in Aktion“), während es sich oben „nur“ um gegenseitiges Verständnis handelt – also bei beiden Kommunikanten oft explizites Wissen nicht vorhanden ist. Der Schwerpunkt der Analyse liegt jedoch bei beiden Feldern auf der Frage, welche Wissensflüsse tatsächlich wie in Aktion gesetzt werden, d.h. von der rein expliziten (externalisierten) Wissensform in handlungsleitendes Erfahrungswissen übergehen können (vgl. Schaubild Münchner Modell des Wissensmanagements). Die Ergebnisse der Diskussionen auf dem Climate Café der Brandenburgischen Klimaplattform zeigten deutlich bei den meisten wissenden Beteiligten ein strukturelles Vermittlungsdefizit: es liegen genügend Erkenntnisse über den Klimawandel vor, aber weder die Forschung noch die lokale Bürgerinitiative hat Rezepte für eine aktivierend-internalisierende Wissensvermittlung in die breitere Zivilgesellschaft oder in die Politik.

Hierzu legen die aktuellen Ansätze im Wissensmanagement und in der Informationsverhaltensforschung erste Erklärungsmuster vor, die es gilt, am Beispiel des Potsdamer Stadtklimas (Jugendproblem / Klimaproblem) zu vertiefen: es gilt „gefrorenes“, verkrustetes Informationswissen (z.B. Klima-Daten) in den Wissensalltag zu überführen um daraus implizites Handlungswissen zu machen bzw. umgekehrt im Fall der Nutzung von Computerspielen und neuen Medien.

Stand des Wissens

Die Informationswissenschaften waren lange Zeit in ihrem Mainstream geblendet von den dramatischen – von Moores Gesetz vorhergesagten – Entwicklungen der Informationstechnologie. Mit ihrer Apotheose unter den aktuellen Auswirkungen von Google und I-Phone kamen jedoch andere Ansätze in die Diskussion. Meist ohne expliziten Bezug auf den in den weiteren Sozialwissenschaften empfundenen spatial turn (Döring/Thielmann 2008; Dünne/Günzel 2006) wird zunehmend nach dem Kontext des information retrieval gefragt (Ingwersen/Järvelin 2005; Morville 2005).

Gleichzeitig entdeckt die Wirtschaftspraxis die Ressource Wissen im Unternehmen und weist auf die Bedeutung der persönlichen Begegnung an einem physischen Ort („ba“) zur Rematerialisierung impliziten (an Personen gebundenen) Handlungswissens in benennbare (explizite) Informationen (Nonaka/Konno 1998; Nonaka/Takeuchi 1997; Brown/Duguid 2000; Hobohm 2004; Peschl 2007).

Speziell die Bibliothekswissenschaft als eine der Informationswissenschaften kann in letzter Zeit immer deutlicher machen, welch wichtige Funktion Bibliotheken als barrierefreie Orte im öffentlichen Raum der Stadt einnehmen (Eigenbrodt 2005, 2007; Hobohm 2001, 2006, 2007; Buschmann/Leckie 2007, Gandaa 2009). Das hat in einzelnen Bundesländern zu Initiativen zur Verabschiedung von Bibliotheksgesetzen geführt, die Kommunen verpflichten könnten, Stadtbibliotheken zu unterhalten, die bisher „freiwillige“ Aufgaben sind. Andere Länder (wie z.B Finnland, Dänemark oder Großbritannien) haben den Wert dieser öffentlichen Einrichtung schon länger erkannt und sind dabei auch volkswirtschaftlich sehr erfolgreich gewesen.

Ray Oldenburg (2001) wies mit seinem Konzept des dritten Ortes auf genau die Aspekte, die den „verstaubten“ Gedächtnis- und Bildungsinstitutionen Bibliothek-Museum-Archiv-Volkshochschule bisher fehlen: nämlich Aufenthaltsqualität und Edward Soja (1996) liefert dazu ein passendes theoretisches Raumkonzept mit seinem auf Lefebvre und Foucault basierenden „Thirdspace“, dem Ort des (alltäglichen) Lebens. Alltagspraxis und Informationsverarbeitung im Alltagsleben sind schließlich die Forschungs- und Diskussionsansätze der Informationswissenschaft der letzten Jahre (Fisher / Erdelez / McKechnie 2005; Savolainen 2008). Allerdings werden hierbei einerseits deutlich die Begrenzungen der Zuständigkeit der Informationswissenschaft auf Prozesse innerhalb von Informations- oder Bildungseinrichtungen überschritten und andere „ground 0“ der Wissensprozesse beschrieben (Fisher 2005) oder umgekehrt wird den Wissensinstitutionen neue Qualitäten der Netzwerkbildung in der kommunalen Gemeinschaft zugeschrieben (Lankes/Silverstein/Nicholson/Marshall 2007).

Im Spannungsfeld zwischen Manuel Castells Netzwerkgesellschaft (1989) und Michel de Certeaus Kunst des Handelns (1980) gilt es,  eine „Praxeologie des Zusammenhanges von Interaktion, Immersion, und Interface“ (Manfred Fassler 2008, 202) zu entwerfen, die den neuen Wissensbedingungen gerecht wird und hilft, bei neuen gesellschaftlichen Herausforderungen nachhaltig Prozesse zu steuern.

Bezug zu den Zielen des Innovationskollegs

Die beschriebene Forschungsthematik greift die inhaltlichen Ziele des Innovationskollegs nicht nur in exemplarischer Weise neu auf, sondern bietet auch vielfältige Anknüpfungspunkte zu bisherigen Diskursen der Hochschule (z.B. im Kontext der CIVITAS Foren). Sie ist damit im Sinne des Themas Stadt-Klima Potsdam ihre natürliche Fortsetzung.

Wissenschaftsimmanent liegt ihre Innovation in ihrer besonderen Transdisziplinarität. Ihr Lokalbezug und ihre Anwendungsorientierung bieten die Möglichkeit, die Hochschule intensiver in die Potsdamer Diskurse einzubeziehen und konkrete Impulse im Stadt- und Landesinteresse zu geben.

Die Neuheit des Themas in Deutschland bietet bei einer großen Vielzahl potenzieller Kooperationspartner die Chance zu einem (personell und vom Drittmittelvolumen her) größerer Arbeitsbereich, der in hohem Maße öffentlichkeitswirksam für die Hochschule sein wird.

Der tranzdisziplinäre Ansatz bietet zusätzlich die Möglichkeit der Auslotung des neuen Berufs des community managers/moderators , der sich derzeit im digitalen Bereich entwickelt. Mit entsprechenden Erfahrungen im analogen (physischen) Raum ließe sich dessen Profil ggf. erweitern auf die Moderation bürgerschaftlicher Prozesse allgemein. Hieran ließe sich eventuell auch eine Diskussion um einen neuen (kooperativen) Studiengang anknüpfen.

Referenzen

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